„Systemsprenger“ - dieser inoffizielle Begriff ist u.a. in der Kinder- und Jugendhilfe absolut gängig. Ist dies begründet und zielführend? „Systemsprenger“ - ein fragwürdiger Begriff für…

…Menschen, die sich Beständigkeit und Halt wünschen und kontinuierliche Veränderung erleben.

… Menschen, die man zu kennen glaubt, indem man vom einzelnen Verhalten auf die Person schließt.

… Menschen, mit bohrenden Fragen wie „Werde ich geliebt? Bin ich schuld? Wo passe ich hin?“


Am Freitag, den 13.03. 2020 reflektierten die drei Unterkurse der Fachakademie für Sozialpädagogik in ihrem jeweiligen Klassenverbund parallel zueinander über den Film „Systemsprenger“. Zudem hielt Norbert Seelig, als Leiter einer auf „Grenzgänger“- wie sie es nennen - spezialisierten Wohngruppe, einen Impulsvortrag mit anschließendem Austausch. Die Begegnung mit dem erfahrenen Praktiker wurde von Studierenden und Lehrkräften als Bereicherung erlebt. Herr Seelig machte Mut und berichtete von inspirierenden Verläufen in der Arbeit mit „Grenzgängern“. So räumte er mit Vorurteilen auf und half, mögliche Berührungsängste abzubauen. Das Konzept der „Grenzgänger“ setzt auf Beziehungsarbeit. Man lebt hier „professionelle Präsenz“ – eng orientiert an der „Neuen Autorität“ nach Arist von Schlippe und Haim Omer. Vielleicht ist man erst für die Arbeit mit „Grenzgängern“ bereit, wenn man die Vorstellung von Macht und die Illusion vollständiger Kontrolle aufgibt und zu einem deeskalierenden Gegenüber und beharrlichen Wegbegleiter an ihrer Seite wird, der sie auch und gerade im Scheitern begleitet, anstatt es als Argument der Ausgrenzung zu verwenden.

Wer sich das Filmplakat zu „Systemsprenger“ ansieht, dem fällt auf, dass die schreiende, aggressive Benni (als eine Facette) klein im Hintergrund und die stille, resigniert-hilflos wirkende Benni ganz groß im Vordergrund zu sehen ist. Im Film allerdings bekommen wir die wilde, abschreckende Seite von Benni so lautstark und mit so viel Wucht präsentiert, dass ihre Verzweiflung, ihr Frust, ihre Perspektivlosigkeit, ihr Schmerz und ihre Ohnmacht völlig in den Hintergrund treten könnten. Schreie nach Liebe - als störender Lärm empfunden und als Aggression missverstanden. Wäre da nicht unsere Fähigkeit tiefer zu sehen: „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“ (Antonie de Saint-Exupéry). Fachkräfte sollten zweimal hinschauen, tiefer und mit dem Herzen sehen, damit sie erkennen, wo hinter Aggression Frustration und hinter Wut Traurigkeit steckt. So können sie auf Ursachen eingehen und nicht allein auf Symptome reagieren.

Die Reflexion zum Film „Systemsprenger“ war ein lohnenswertes, gewinnbringendes Projekt, dass unter anderem die Erkenntnis brachte, dass wir nicht „Systemsprenger“ sagen, sondern jedem Menschen in seiner Individualität gerecht werden sollten. So unterschiedlich wie Studierende im Unterkurs sind, so unterschiedlich sind auch die „Grenzgänger“. Die Studierenden sammelten sehr gute Ideen, die sich in die Praxis mitnehmen und hier weiterentwickeln lassen. „Entwicklung braucht Zeit!“ Auch diese Erkenntnis nahmen die Studierenden mit und ordneten die anspruchsvolle Arbeit mit dieser herausfordernden Klientel als Marathon und nicht als Sprint ein. Hier geht es nicht um schnelle Erfolge, sondern um echte Begegnung und entwicklungsförderliche Erziehung, die ein „Ja“ zum Menschen voraussetzt (vgl. Tschöpe-Scheffler).

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